Volleyball geht attraktiv: 7 Schritte zum Erfolg

von Dr. Ferdinand Stebner

Es sollte ein Modellversuch werden: was kann man in einem typischen Breitensportverein mit dieser in Deutschland so gebeutelten Sportart Volleyball erreichen? Und dazu noch in einer verschuldeten Ruhrgebietsstadt, die den Strukturwandel nach dem Ende der Bergbauzeit verpasst hat? Einiges – das ist die Erkenntnis von zweieinhalb Jahren Projektarbeit. Und weil wir wollen, dass uns möglichst viele Vereine folgen, werden wir im nachfolgenden Beitrag berichten, wie der TuS Herten Volleyball e.V. von einem normalen Breitensportverein innerhalb von zweieinhalb Jahren zu einem Vorzeigeprojekt der Stadt und des Westdeutschen Volleyball-Verbandes wurde.

Dabei begann alles bei Null, denn der Fokus lag einst wie bei den meisten Breitensportvereinen nicht auf der Vermarktung einer Marke und eines Events – dafür fehlten die Ideen, das Wissen und die Initiative – sondern ausschließlich auf dem Sportlichen. Und dort wurde es spannend: das „Aushängeschild“ des Vereins rangierte nach der Hinrunde im Januar 2014 auf dem letzten Platz der Landesliga – es drohte der Abstieg und damit womöglich das Ende des leistungsorientierten Volleyballs in Herten.

Mit der Angst vor dem Abstieg kam es zur Initialzündung: neuer Trainer, neue Ideen, neues Wissen und die Vision, mit dem Potenzial des Vereins, der Energie der Fans, den individuellen Stärken der Mitglieder und der Attraktivität des Volleyballsports etwas Großes erreichen zu wollen – und dies eben nicht nur im sportlichen Sinne.

Bei dem oben angesprochenen Team handelt es sich um das heutige Team #1, das nach Beginn unseres Projekts zuerst den Abstieg verhinderte, im Anschluss 35 mal in Folge gewann und somit zweimal nacheinander aufstieg. Aber viel spannender: wir hatten zuletzt durchschnittlich 250 Zuschauer bei sehr stimmungsvollen Heimspielen in der Landes- und Verbandsliga, 100 Fans reisten uns gerne zu Auswärtsspielen hinterher, die Anzahl unserer Partner wuchs von 1 auf über 10 und die Anzahl unserer Follower bei Facebook stieg von 150 auf über 3.300. Darüber hinaus waren wir mit vier Seiten im Volleyball Magazin und das Echo in der lokalen Presse ist großartig. Und das Wichtigste: wir haben Spaß, wir schreiben positive Geschichten und unser Sport tut der Stadt gut. Die Aufmerksamkeit ist groß und die Menschen kommen wieder zusammen – egal, welcher sozialen Schicht sie entstammen. Im Zeitalter von Globalisierung und Digitalisierung treffen sie sich bei uns in der Halle und genießen zwei Stunden Sorgenfreiheit.

Aus unseren Erlebnissen und Erfahrungen resultiert dieser Beitrag, in dem Tipps für Breitensportvereine und Verbände präsentiert werden. Sie resultieren aus den Erfahrungen im Volleyballsport; sie sind aber sicherlich auf viele andere Sportarten übertragbar. Wir geben die Tipps zuerst allgemein formuliert und danach erzählen wir Euch, wie wir sie realisiert haben. Ihr seid eingeladen, diese Tipps aufzunehmen und nachzuahmen. Bei Fragen könnt Ihr uns gerne kontaktieren, denn das Ziel unseres Projekt-Teams ist einfach: nur kooperierend über die Vereins- und Verbandsgrenzen hinaus haben wir in Deutschland eine Chance, mit Volleyball nachhaltig für Furore zu sorgen. Dieser Beitrag hier ist somit die Fortsetzung eines kleinen Appells, der einst für Aufsehen sorgte, als wir über Kuriositäten in der Verbandsliga berichteten. Damals makelten wir an, Vereine würden sich zu wenig engagieren für das Event rund ums Spiel. Heute erhaltet Ihr die Tipps, wie man Volleyball im Breitensportbereich attraktiv „verkaufen“ kann.

Tipp 1: Stimmt Euch positiv

Um andere Menschen zur Mitarbeit im Projektteam, zum Besuch der Spieltage oder zum Schwitzen im Training zu motivieren, muss man das Potenzial im Volleyballsport sehen und authentisch leben. Sieht man das Potenzial nicht (mehr), so sollte man sich selbst und den anderen Mitgliedern des Vereins zuliebe besser eine andere Beschäftigung suchen. Brennt man für unsere Sportart, sollte man sich bewusst machen, was den Volleyballsport so besonders macht: uns machen die Ästhetik und die gleichzeitige Dynamik im Vergleich zu den anderen großen Ballsportarten einzigartig. Also müssen wir den Volleyball auch attraktiv präsentieren: hebt die Ästhetik und die Dynamik hervor!

Dabei darf der Ehrenamtler kein Problem mit Stress und fehlender Wertschätzung haben – Letzteres ist in unserem Land im Vergleich zu Nationen wie den USA oft leider Gewohnheit. Euch muss die Arbeit im Verein von der Sache her motivieren – dann sind fehlende Wertschätzung oder solche widrigen Stressoren wie Neid und Eifersucht anderer Mitglieder oder Vereine auszuhalten.

Wir empfehlen zudem, die Einstellung zu Leistungsdruck zu überdenken. Wofür ackern Jugendliche in Vereinen, Kadern und Leistungsstützpunkten hart? Damit sie gut werden? Damit sie immer besser werden? Ja, womöglich, aber all dies wiederum nur, damit sie dadurch ein (noch) besseres Leben haben und es mit der besonderen Eigenschaft als erfolgreiche Sportler genießen können. Kurzes Abi, Ganztagsschulen und die Tatsache, dass Bildung noch nie so wenig wert war wie heute, lässt genug Stress aufkommen im Alltag unserer Sportler – wir sollten stellenweise weniger Druck aufbauen und darauf fokussieren, den Sportlern die Kompetenz an die Hand zu geben, mit Druck erfolgreich umgehen zu können. Und das Wichtigste: wir müssen Momente ermöglichen, in denen wir das Volleyballspiel(en) genießen können!

Wie machen wir das?

Jeder Verein hat einen Vorstand, der optimalerweise gesund durchmischt ist. Eine Mischung aus Alt und Jung. Eine Mischung aus innovationsfreudig und konservativ. Daneben solltet Ihr ein Team aufbauen, das dem Vorstand hilft, den Verein zu entwickeln. Sucht Euch die Motivierten und die kritischen Freunde, die im Verein gehört werden, zusammen. Gemeinsam ist es am Wahrscheinlichsten, viele Mitglieder zu erreichen. Im Team benötigt Ihr die folgenden Leute, die Ihr garantiert alle unter Euren Mitgliedern habt:

  • Einen Impulsgeber, der weiß, wie Volleyball und Vereinsleben funktionieren und der ein entsprechendes Standing im Verein hat
  • Projektleiter, also Menschen, die organisieren, strukturieren und delegieren können
  • Medienleute, also kreative Menschen, die sich mit Farben, Websites und Facebook auskennen
  • Techniker, also Menschen, die Websites programmieren können
  • Texter, also Menschen, die mit gutem Deutsch geradeaus schreiben können
  • Fotografen, also Menschen, die ästhetische und professionelle Bilder schießen können

Unter den obigen Leuten müsst Ihr folgende Typen haben: Ihr braucht Leute, die wissen, wie es geht (die Wissenden). Ihr braucht Leute, die wissen, wer das kann (die Netzwerker). Und Ihr braucht Leute, die ständig neue Ideen haben (die Kreativen).

Wir versuchen, die Sportart Volleyball möglichst professionell zu präsentieren. Die Sportler sollen z.B. immer (auch im Training) schöne, einheitliche Kleidung tragen. Außerdem wird im Training daran gearbeitet, sich gesund und sportlich zu bewegen – das wirkt ästhetisch und lässt sich dann wiederrum via Fotos und Videos erfolgreicher verkaufen.

Darüber hinaus sind wir uns in unserem TuS darüber bewusst, was Menschen antreibt und stresst und wir wissen, wie Vereins- und Projektleben funktionieren. Wir wissen, dass in jeder Saison und mit jedem Projektstart immer eine Anfangseuphorie herrscht, die dann früher oder später existenziellen Ängsten weicht, bevor sich dann Stimmung und Leistung stabilisieren. Und weil wir darüber reden, sind wir weniger anfällig. Wir agieren als Team und motivieren uns gegenseitig. Alleingänge sind verboten – so ist man auch weniger anfällig für Launen. Darüber hinaus haben wir sportlich und organisatorisch gesehen keine Angst vor Niederlagen, ganz im Gegenteil: wir freuen uns auf gemeinsame Erfolge – und das macht uns noch stärker. Auf und neben dem Spielfeld.

Tipp 2: Vereinsentwicklung mit allen – Gründet AGs

Alleingänge sind anstrengend und nicht nachhaltig: aktiviert also so viele Mitglieder Eures Vereins wie möglich, organisiert sie in Arbeitsgemeinschaften (AGs), findet ihr Potenzial heraus und nutzt es. Entwickelt gemeinsam ein Leitbild für den Verein, das darstellt, wer Ihr seid und wo Ihr hinwollt. Leitet daraus Eure Farben und Formen sowie Eure Sprache ab. Ihr entwickelt daraufhin ein Konzept, das die Zukunft des Vereins präsentiert. Ihr werdet sehen: die Resultate Eurer Arbeit werden professioneller aussehen und das Vereinsleben wird so viel mehr Spaß machen, wenn alle mitziehen.

Wie machen wir das?

Dass ein Verein viel Potenzial innehat, weiß jeder. Die spannende Frage lautet aber: wie bekommen wir das Potenzial der Mitglieder sichtbar und aktiviert? Wir hatten zu Beginn eine richtig gute Idee – quasi eine Vision. Wir hatten das Gefühl, dass da mit all den spannenden Menschen im Verein mehr geht als nur Durchschnitt. Und diese Idee haben wir zuerst kurz und knapp aufs Papier gebracht. Und zwar so attraktiv, dass sie motivierte. Anschließend haben wir diese Idee dann mit den wichtigsten Instanzen im Verein abgesprochen: zuerst mit den Fans, dann mit dem Vorstand, mit den Mitgliedern des Vereins, die viele kennen und den Verein antreiben, und dann mit unserem Team #1. Als alle zugestimmt hatten und Lust entwickelten, haben wir das Konzept erweitert und schließlich den wichtigsten Schritt gewagt: Wir haben drei AGs gegründet. AG 1 war für die Entwicklung des Leitbildes und der Philosophie des Vereins zuständig. Es sollte herausgearbeitet werden, wo wir gemeinsam hinwollen. AG 2 hat sich um die Entwicklung und Umsetzung von Aktionen rund um die Spieltage, Feste, Traditionen etc. gekümmert, die zum neuen Leitbild des Vereins passten. AG 3 war für die mediale Präsentation der Ergebnisse von AG 1 und 2 zuständig. Hier wurden Formen und Farben sowie die Sprache basierend auf dem Leitbild abgeleitet. Außerdem wurden der Website- und Facebookauftritt überarbeitet und erste Geschichten geschrieben. Für alle AGs suchten wir im Vorhinein Leute, die das konnten: fachlich und kommunikativ. Bei einer Vereinsfeier 2014 stellten die AG-Leiter in Kooperation mit dem 1. Vorsitzenden des Vereins die Idee vor und gewannen dabei knapp 35 Leute, die sich nachfolgend freiwillig und entsprechend ihrer individuellen Stärken und Interessen in die Projektarbeit einbrachten. Sodann war es das Ziel, unser Leitbild mehr und mehr zu leben. Vorstand, AG-Leiter und Team #1 agieren dabei als Vorbilder und somit als Multiplikatoren.

Großer Vorteil dieser Herangehensweise: der Verein entwickelt sich aus der Mitte heraus, die Mitglieder übernehmen Verantwortung und identifizieren sich dadurch wesentlich stärker mit dem Verein. Außerdem spart Ihr Geld und Zeit!

Tipp 3: Kleine Geschichten schreiben

Wenn das Leitbild und die Philosophie des Vereins klar sind, ist auch die große Geschichte klar. Nun müssen kleinere Geschichten abgeleitet, geschrieben und attraktiv präsentiert werden. Alles, was Ihr zukünftig macht, muss zu Euch und Eurem Leitbild passen. Also auch jede Aktion. Und manche Aktionen sollten so attraktiv sein, dass man sie gewinnbringend präsentieren kann, sie also für Aufmerksamkeit, Bewunderung, Bewusstsein o.ä. sorgen. Optimal ist es, wenn dann ab und zu auch noch Eure Partner dadurch Aufmerksamkeit erhalten und davon profitieren. Dazu eignen sich eine informative und moderne Website genauso wie ein Facebookauftritt. Mit Letzterem sollte man die Besucher für die eigene Website gewinnen. Das Wichtigste an den kleinen Geschichten: da muss positive Stimmung drinstecken. Die Leute sollen Lust bekommen, mehr von Euch zu erfahren und Teil des Projekts zu werden.

Wie machen wir das?

Unsere kleinen Geschichten werden in den AGs entwickelt und passen zum Leitbild. Um nur ein Beispiel zu nennen: wir sind im Ruhrgebiet beheimatet. Bei unseren Spieltagen gibt es natürlich Currywurst, die von unseren TultraS (unser Fanclub) hergestellt wird. Dazu trifft sich der Fanclub jeden Freitag vor dem Spieltag im Schrebergarten „Gut grün“ – sie grillen 70 bis 150 Würstchen und sorgen am Spieltag dafür, dass die Wurst in Kontakt mit der Soße eines unserer Partner kommt. Unsere Zuschauer wissen, wo die Currywurst herkommt und wie viel Liebe drinsteckt, da wir diese Geschichte immer wieder präsentieren: mit Hilfe von Videos, Bilderreihen und geschriebenen Geschichten.

Dies ist nur eine von unzähligen kleinen Geschichten, die wir bislang geschrieben und präsentiert haben.

Tipp 4: Bildet Netzwerke

Alleine als Verein werdet Ihr nachhaltig keine Chance haben. Und vor allem wird unsere Sportart davon wenig profitieren. Ihr müsst kooperieren. Und damit meinen wir nicht nur die Kooperation mit Partnern, die Euch finanziell und materiell unterstützen. Wir meinen Kooperationen mit anderen Sportvereinen Eurer Stadt und mit Volleyballvereinen in Deutschland. Zum Beispiel mit uns. Wir könnten gemeinsam Geschichten schreiben und sie gemeinsam präsentieren, gemeinsam für mehr Aufmerksamkeit sorgen und gemeinsam von unseren gegenseitigen Stärken profitieren.

Wie machen wir das?

Wir kooperieren lokal u.a. mit den Basketballern der Hertener Löwen, den Handballern vom SV Westerholt, den Tischtennisspielern vom TTV DJK Herten und den Frauenfußballerinnen der DJK Spvgg. Herten. Wir sind auf die Vereine zugegangen, haben sie zuerst bei Facebook mit uns verlinkt und in folgenden Gesprächen von unserer Idee überzeugt. Seither besuchen wir uns bei Heimspielen, laden einander zu Feiern ein und schreiben dabei jeweils die eine oder andere Geschichte, die in der Stadt gut ankommt. Darüber hinaus kooperieren wir mit anderen Volleyballvereinen außerhalb unserer Stadt, etwa mit dem GV Waltrop aus unserer Region oder den Schanzer Volleys aus Ingolstadt in Bayern. Den GV Waltrop beraten wir bei der Vereinsentwicklung und mit den Schanzer Volleys teilen wir viele ähnliche Vorstellungen und versuchen zukünftig, vor allem via Website und Facebook, gemeinsam für Aufmerksamkeit zu sorgen. Ihr seht also: wir fordern heraus, dass die anderen mitbekommen, wie wir arbeiten. Zugleich erhalten wir aber auch viele wertvolle Einblicke in die Prozesse der anderen Vereine. Das Ziel: Win-Win-Situationen schaffen.

Tipp 5: Richtet das Training auf Kompetenzen aus

Es reicht bei dem schweren Stand des Volleyballs in Deutschland nicht aus, nur das Volleyballspiel an sich zu „verkaufen“. Wir müssen mehr bieten. Und alle Beteiligten müssen diese Sichtweise leben (können). Und weil es logischerweise nicht jeder von Natur her kann, muss es trainiert werden. Ganzheitlich. Nicht nur Pritschen und Baggern, sondern Selbstkompetenz, Selbstregulation, Kommunikation, etwas Marketing und viel Öffentlichkeitsarbeit. Wie leben wir Volleyball und wie verkaufen wir diesen Sport und uns als Sportler optimalerweise? Und wie schaffen wir es dabei zeitgleich auch noch, das Spielen an sich zu genießen?

Die berüchtigte Straßenspielhypothese nimmt an, dass Kinder heutzutage weniger draußen spielen als früher. Dadurch spielen sie auch insgesamt weniger. Das liegt wohl v.a. am generellen Wandel der Gesellschaft hin zur Leistungsgesellschaft. Kinder (und Erwachsene) müssen heutzutage teilweise wieder lernen „richtig zu spielen“, also um der Handlung willen zu handeln – im Moment aufzugehen und Flow zu erleben. Dabei ist es egal, ob man gewinnt oder verliert oder wie die Regeln sind. Spielen ist wichtig, um mental gesund zu bleiben. Wenn sie es schon können, sollten wir zusehen, dass sie es nicht verlernen. Es sollten also nicht nur Leistung, Progression und Siege im Fokus der täglichen Vereins- und Trainingsarbeit stehen.

Und weil die Schulen bis heute auch zumeist penetrant auf Leistung fokussieren und weniger auf Kompetenzen, so liegt es auch in der Hand der Sportvereine dafür zu sorgen, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene im Handlungsfeld Sport erlernen, wie man selbstreguliert lernt, Sport treibt und (über)lebt. Das Training und das Drumherum sollten so angelegt werden, dass wir die Kompetenz des selbstregulierten Lernens (und Lebens) unterstützen.

In diesem Zusammenhang müssen unsere (v.a. jungen) Sportler auch lernen, gesellschaftsfähig zu kommunizieren. Wie rede ich mit Trainern, wie wertschätze ich die Arbeit der Ehrenamtler und wie präsentieren wir uns und unsere Arbeit in der Öffentlichkeit? Um einen Sportler zur Selbstregulation zu führen, ist es wie beim Autofahrenlernen. Am Anfang steht die direkte Instruktion – da assistiert der Fahrlehrer auch noch beim Betätigen der Pedale. Der Trainer sagt also an, wie es geht, wie oft eine Übung wie ausgeführt werden muss. Nach und nach werden die „Zügel“ dabei länger gelassen. Und nach einiger Zeit und vielen Gesprächen kann man erwarten, dass die Sportler sich und ihre Körper besser kennen und selbst entscheiden können, was für sie richtig und optimal ist.

Wie machen wir das?

Um das Spielen an sich zu fördern, lassen wir beispielsweise ab und zu „Daddelball“ spielen. Dieses mit den jungen Ehrenamtlern des WVV gemeinsam entwickelte Spiel hat nahezu keine Regeln und wird mit einem weicheren Beachvolleyball gespielt. Das Netz ist etwa auf Nasenhöhe, es wird nicht gesprungen und der Rest kommt von alleine. Bei Netzaktionen könnte man sich anfassen, beim Spielen des Balles könnte man sich behindern – es führt also dazu, dass das Spiel schnell wird. Und es macht jede Menge Spaß, weil es anders ist. Mal 2 gegen 2 oder 3 gegen 3 auf sehr kleinem Feld, wie auch immer man will. Und die fehlenden Regeln führen dazu, dass irgendwie gespielt wird – ohne viel nachzudenken. Mit voranschreitender Zeit in der Saison werden auch die „normalen“ Spielübungen offener gestaltet. Die Spielerinnen übernehmen zunehmend mehr Verantwortung über Intensität, Volumen und Regeln der Übungen. Darüber hinaus machen wir Schnelligkeits- und Koordinationstraining des Öfteren mittels spannender und von den Spielerinnen selbst zusammengestellter Parcours. Ein Beispielvideo findet Ihr hier.

Um den Spielerinnen zu zeigen, wie sie nach außen wirken, musste jede(r) in Team #1 z.B. ein Video von sich selbst machen, auf dem sie sagen sollten: „Ich bin dabei“. Sie sollten es bis zu einem bestimmten Termin machen, in Querformat und dabei möglichst fröhlich und authentisch wirken. Das Ergebnis ist auf unserer Website bei Team #1 zu sehen. Wir nutzten die Ergebnisse, um das neue Team für die kommende Saison vorzustellen. Authentisch ist anders, das mussten einige feststellen. Und weil sie so etwas trainieren müssen, bekommen sie solche Aufgaben.

Wenn wir den ästhetischen Volleyballsport authentisch attraktiv verkaufen wollen, müssen wir ästhetisch attraktiv wirken – nicht nur auf dem Spielfeld, sondern auch auf dem Smartphone.

Im Training erhalten die Spielerinnen darüber hinaus regelmäßig Reflexionsaufgaben. So liegt vor Trainingsbeginn oft Flipchartpapier aus, auf dem die Spielerinnen Fragen bearbeiten und ihre Antworten präsentieren müssen. Dort werden selbstreflexive, metakognitive Denkprozesse aktiviert. Sie sollen sich bewusst sein, was sie können, wo sie sich verbessern müssen und was das Team und das Projekt unschlagbar macht.

Dies sind beispielsweise die Fragen, die Team #1 zu Saisonbeginn bearbeiten mussten. Sie stellten sich ihre Antworten dann in den folgenden Einheiten gegenseitig vor:

Bitte immer nur EINEN Aspekt nennen! Ihr stellt Eure Sammlung am Ende des Trainings vor.

  1. Name
  2. Worauf freust Du Dich in dieser Spielzeit am meisten?
  3. Welches ist Deine #1-Stärke, mit der Du das Team zu Erfolg führen wirst?
  4. Worin willst Du Dich in dieser Spielzeit verbessern?
  5. Was muss sich im Team im Vergleich zur letzten Spielzeit ändern?
  6. Was muss sich im Verein im Vergleich zur letzten Spielzeit verändern?
  7. Was muss im Team unbedingt beibehalten werden?
  8. Was muss im Verein unbedingt beibehalten werden?
  9. Was ist Dein Ziel für diese Saison?
  10. Was wird uns als Team #1 unschlagbar machen?

Tipp 6: Verhindert Fremdscham – sorgt für Begeisterung

Der Tod des Volleyballsports ist die Fremdscham. Jeder kennt es: man schaltet den Fernseher ein und sieht (zugegebenermaßen leider selten) internationale Volleyballspiele vor leerer Kulisse in riesigen Multifunktionsarenen. Das ist peinlich und spricht nicht für ein spannendes Event. Und es ist einem erst recht dann unangenehm, wenn man zugleich jemanden neben sich sitzen hat, den man von unserer Sportart überzeugen will. Das schafft man so nicht! Bezogen auf den Breitensport sollte man versuchen, spannende kleine Events zu gestalten. Wir müssen die Zuschauer, die immer auch potenzielle Partner sind, emotional an uns binden. Volleyball wird heute nämlich zumeist nur dann finanziell und materiell von Partnern (oder Sponsoren) unterstützt, wenn die emotionale Bindung stimmt. Aus rationaler Sicht gibt es für die Partner nur selten gute Gründe – dafür haben wir zu wenig Aufmerksamkeit. In der Halle muss Stimmung stecken, die Leute müssen sich willkommen fühlen, die Website muss attraktiv und aktuell gestaltet sein usw..

Wie machen wir das?

Wir haben eine minimalistische Website. Aus einfachem Grund: so ist es einfacher, sie zu „pflegen“ und aktuell zu halten. Unser Vereinsvorstand begrüßt bei Heimspielen am Eingang außerdem jeden Gast mit Händedruck. Mit dem Händedruck bekommen unsere Gäste die wichtigsten Infos zum Spiel mitgeteilt, darüber hinaus bekommen sie einen selbstkreierten Button persönlich angesteckt, der sie mit uns „verbinden“ soll. Sie bekommen unser Spieltagsheftchen überreicht und die Chance, an Wettspielen o.ä. teilzunehmen. Sie zahlen keinen Eintritt. Wir kompensieren diese fehlenden Einnahmen mit dem Geld unserer Partner. So ist es jedem Interessierten in Herten und Umgebung ermöglicht, dabei zu sein, egal, wie seine finanzielle Lage ist. Darüber hinaus sind so die Erwartungen mitunter geringer und nicht ans Eintrittsgeld gebunden.

Um Fremdscham in der Halle zu verhindern, haben wir uns gegen einen Hallensprecher entschieden (die müssen nämlich richtig gut sein, damit sie positiv wirken). Die Stimmung machen unsere TultraS mit mindestens 5 Trommeln und Pauken. So sind wir auch unabhängiger von der Technik. Und außerdem haben wir (eigentlich leider) eine der kleinsten Hallen der Stadt erhalten. Das spricht zwar gegen jeden Masterplan von Liga und Verband, aber der Vorteil dessen ist, dass die Halle jedes Mal „ausverkauft“ scheint und so nie das Gefühl aufkommt, es wäre nichts los. Dies sind optimale Voraussetzungen, Zuschauer zu begeistern, neue Fans zu gewinnen und Partner davon zu überzeugen, das Projekt zu unterstützen. Sollte Eure Halle (zu) groß sein, grenzt sie zu den Seiten ab und stellt so das Gefühl von Enge her. Ach, und wir versuchen, attraktiven Volleyball zu spielen – dafür trainieren wir entsprechend diszipliniert und professionell!

Tipp 7: Lasst uns den Verband unterstützen

Will Volleyball hoch hinaus, müssen nicht nur die Vereine erfolgreich arbeiten, sondern auch die Verbände. Ein großes Potenzial sehen wir in intensiveren Kooperationen auf Ebene der Öffentlichkeitsarbeit und der moderierten Vereinsentwicklung. Bislang läuft dies vornehmlich im Bereich Jugendnachwuchs oder Trainerausbildung, aber was die Öffentlichkeitsarbeit angeht, so hinkt beispielsweise der WVV selbst noch meilenweit hinterher. Um öffentliches Interesse zu wecken, muss mehr passieren. Warum also nicht kooperieren?

In dieser Interaktion zwischen Vereinen und Verband steckt unendlich viel Potenzial. Alleine der WVV hat etwa 1.200 Vereine. Wie viele Geschichten da wohl insgesamt geschrieben werden? Im Vergleich zu den Verbänden haben die Vereine den Vorteil, dass sie regelmäßig am Wochenende Spiele austragen, Emotionen produzieren und Zuschauer begeistern können. All dies hat der Verband nicht (direkt) und vor allem nicht regelmäßig. Könnte sich der Verband nicht ein paar unserer Geschichten aus den Vereinen „ausleihen“? Angenommen, wir kooperieren aktiver mit den Verbänden und stellen unsere Geschichten zur Verfügung – es müssen ja nicht alle 1.200 Vereine sein, aber vielleicht mal eine feine Auswahl 10 bis 20 aktiver Vereine. Der Verband entwickelt mit diesen Vereinen ein Konzept, was man zukünftig gemeinsam erreichen und wie man zukünftig gemeinsam auftreten will. Grundlage dafür ist natürlich eine moderne Verbands-Website, die so etwas ermöglicht. Der Verband kann so stärker und attraktiver mit mehr Emotionen im Schlepptau auftreten, hat mehr in der Hinterhand bei Gesprächen mit potenziellen Partnern, kann andere Vereine, die noch nicht so weit sind, mit diesem Netzwerk stärker unterstützen und möglicherweise sogar dafür sorgen, dass er Partner für einzelne Bezirke, Ligen oder Vereine organisiert. Denn hier kommen definitiv rationale Gründe zum Tragen, die für Sponsoring interessant sind: alleine im WVV 1.200 Vereine, 100.000 Mitglieder, viele Multiplikatoren und unendlich viele spannende Geschichten unserer attraktiven Sportart. Lasst uns also nicht warten, bis der Verband auf uns zukommt, sondern lasst uns schnellstmöglich unsere Vereine, Spieltage und Außendarstellungen attraktiv machen, danach mit anderen Vereinen Netzwerke bauen und schließlich mit unserem Knowhow und unseren emotionalen Geschichten dem Verband helfen.

Wie wir das machen:

Bei dieser Idee handelt es sich derzeit noch um eine Vision. Wir haben in der letzten Saison angefangen, uns stärker mit Mannschaften im WVV und DVV zu verknüpfen. Außerdem hatten wir bei unseren Spielen und Aufstiegsfeiern Offizielle des WVV sowie andere Teams aus unserer Liga und unserer Umgebung zu Gast. Nun haben wir auch die ersten Gespräche mit dem Vorstand des WVV geführt. Sie finden die Idee gut, sodass wir dieses Thema nun gemeinsam angehen werden. Da bewegt sich was!

Fazit

Wir als TuS Herten glauben an das Potenzial des Volleyballs. Dabei sehen wir unsere Herangehensweise und die Art, wie wir Volleyball leben und verkaufen, nicht unbedingt als das Nonplusultra, aber – und so zeigen es die Erfolge – als offensichtlich sinnvollen Weg dafür an, wie man die Potenziale der Sportart, des Vereins und aller Mitglieder ausschöpfen kann. Das Leben in unserem Verein macht richtig Spaß und wir tun unserer Stadt gut. Unsere Mitglieder leben Volleyball und engagieren sich freiwillig. Disziplin und leistungsorientiertes Training werden als Mittel zum Zweck gesehen, die wunderbare emotionale Momente ermöglichen. Außerdem glauben wir, dass es im Zeitalter von Globalisierung, Digitalisierung und Leistungsdruck genau das ist, was unsere Gesellschaft braucht: reale Begegnungen, Begeisterung und etwas Ablenkung vom Alltagsstress. So können wir Euch allen also nur empfehlen, es ähnlich anzugehen. Gerne mit uns zusammen!

Wir sehen uns in der Sporthalle 🙂

 

Das Projekt-Team „Unser TuS“

Unser Projekt-Team arbeitet parallel zum und gemeinsam mit dem Vereinsvorstand. So ist unser Projekt-Team aufgebaut:

  • Dr. Ferdinand Stebner – Initiator, Projektleitung und Leitung AG 1
  • Sandra Kowallek – Leitung AG 2, Spieltage
  • Miriam Siemer – Leitung AG 3, Presse
  • Nadine Waterhoff – Leitung Facebook, Sponsoring
  • Julia Bergmann – Spieltage, Fans
  • TultraS – einzigartige Stimmung und Organisation der Spieltage
  • Peter Hempel – Vorstandsvertreter, Sponsoring
  • René Wernicke – Technik Website
  • Vorstand – Verwaltung, Finanzen, Recht, Spielwesen
  • André Chrost – Fotograf
  • Caro Viermann, Carina Hempel, Michaela Zimmerers, Sandra Hotzwik, Oli Siemer – Presse für alle Teams
  • Die Spielerinnen, die Physiotherapeuten und der Arzt von Team #1 sowie alle Spielerinnen und Spieler der übrigen Teams – Mitarbeit in den AGs, Spieltage
  • Ein großer Dank gilt auch unseren Partnern, die uns finanziell und materiell bei unserem Projekt „Unser TuS“ unterstützen

 

Als Projektleiter danke ich allen Aktiven für die einzigartige Leistung!

Mehr Infos zu uns und unserem Projekt unter www.unser-tus.de oder auf Facebook www.facebook.com/tushertenvolleyball

(c) Dr. Ferdinand Stebner